Journal · Praxis & Vertrauen

Die Asana, die mich getriggert hat – und warum

Über meine jahrelange Angst vor dem Kopfstand – und warum jede Asana ihre eigene Zeit hat.

Anastasiia im Kopfstand auf einem Steg am Meer bei Sonnenuntergang

Es gibt eine Asana, vor der ich viele Jahre große Angst hatte: Shirshasana – den Kopfstand.

Immer wieder habe ich versucht, diese Haltung zu üben. Doch sobald der Moment kam, die Füße vom Boden zu lösen, war da diese Angst. Mein Herz begann schneller zu schlagen und in meinem Kopf entstanden die schlimmsten Szenarien. Die Vorstellung, auf den Kopf zu fallen oder meinen Nacken zu brechen, war jedes Mal stärker als der Wunsch, die Asana zu meistern.

Mit der Zeit hatte ich eine gute Ausrede gefunden: „Ich habe Probleme mit dem Kreislauf. Der Kopfstand ist einfach nichts für mich.“

Heute weiß ich, dass das nur ein Teil der Wahrheit war. Der eigentliche Grund war nicht mein Kreislauf. Es war immer diese Angst.

Nicht jede Grenze sollte sofort überwunden werden

In der Yogawelt hört man oft, man solle seine Komfortzone verlassen. Grundsätzlich stimmt das auch. Doch ich glaube, dass wir dabei etwas Wichtiges vergessen.

Nicht jede Grenze muss sofort überwunden werden. Manchmal braucht unser Körper Zeit. Und manchmal braucht vor allem unser Kopf Zeit, Vertrauen aufzubauen.

Rückblickend bin ich froh, dass ich mich nie gezwungen habe. Denn jede Asana hat ihren eigenen Zeitpunkt. Und dieser lässt sich nicht erzwingen.

Der richtige Moment kommt oft von allein

Vor einem Jahr stand ich wieder auf meiner Yogamatte und dachte plötzlich: Heute probiere ich es noch einmal. Ohne Druck. Ohne Erwartungen. Einfach, weil es sich richtig angefühlt hat.

Und zum ersten Mal – nach über 14 Jahren Yoga – hat es plötzlich funktioniert. Ich stand im Kopfstand.

Für einen kurzen Moment konnte ich es selbst kaum glauben. Danach kamen Tränen. Nicht, weil ich endlich eine schwierige Asana geschafft hatte, sondern weil ich gespürt habe, dass mein Körper bereit war. Nicht früher. Nicht später. Genau in diesem bestimmten Moment.

Vertrauen entsteht nicht über Nacht

Heute gehört Shirshasana regelmäßig zu meiner eigenen Praxis. Und jedes Mal probiere ich weitere Variationen dieses Standes aus. Aber nicht, um das nächste Ziel zu erreichen, sondern um meinen Körper sanft auf den nächsten Schritt vorzubereiten.

Mit jedem Versuch wächst mein Vertrauen ein Stück mehr. Nicht nur in die Haltung, sondern vor allem in meinen Körper.

Jede Asana hat ihre eigene Zeit

Seit dieser Erfahrung sehe ich viele Haltungen anders. Manche Asanas gelingen uns sofort. Andere begleiten uns über Monate oder sogar Jahre. Nicht, weil wir zu unbeweglich oder zu schwach sind, sondern weil unser Körper und unser Geist manchmal einfach noch nicht bereit sind.

Und vielleicht liegt genau darin eine der schönsten Lektionen, die Yoga uns schenken kann. Nicht alles muss sofort funktionieren. Manches darf langsam wachsen. Schritt für Schritt. Im eigenen Tempo.

Mein Tipp, wenn du den Kopfstand lernen möchtest

Falls du den Kopfstand gerade übst oder dich bisher noch nicht getraut hast, möchte ich dir etwas mitgeben, das ich selbst erst lernen musste: Versuche nicht, die Haltung mit aller Kraft zu erzwingen.

Ein sicherer Kopfstand beginnt nicht damit, die Füße vom Boden zu lösen. Er beginnt mit einer stabilen Basis. Nimm dir Zeit, Schultern, Arme und Körpermitte zu kräftigen, und lerne zunächst, dein Gewicht bewusst auf den Unterarmen zu tragen.

Und vielleicht der wichtigste Tipp: Übe den Kopfstand nicht allein, sondern gemeinsam mit einer erfahrenen Yogalehrerin oder einem erfahrenen Yogalehrer. Gerade am Anfang helfen kleine Korrekturen dabei, die Haltung sicher aufzubauen und Vertrauen zu entwickeln.

Yoga ist kein Wettbewerb. Es spielt keine Rolle, ob du heute, in einem Jahr oder vielleicht nie frei im Kopfstand stehst. Entscheidend ist nicht die perfekte Asana, sondern der Weg dorthin.

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